Kachelreport EXTRA:

FC St. Pauli - die Abbruchbude

Aus der Reihe tanzen wir ja gerne mal, deshalb heute mal ganz große Ausnahme und Indianerehrenwort. Für einen regulären Kachelreport fehlt der nötige Kick vor dem Blick, aber aus gegebenem Anlass und randvoll mit schimmeliger Melancholie wird hier trotzdem mal nach dem Rechten geguckt.
Das Clubheim am Millerntor wird samt der Umkleidekabinen und Duschen von der Abrissbirne geküsst und aus diesem Anlass war Außenreporter Rainer "total aus dem" Hoischen mit der Knipse auf der Baustelle und hat zwar keine Devotionalien, dafür aber erschütternde Bildbeweise retten können.

Wer kennt sie nicht, diese knappe Handy-Ansage: "Wir treffen uns dann am besten vor´m Clubheim. Tschö, bis Peter!" Super Idee! Ungefähr 500 andere Leute haben ebenfalls diesen Treffpunkt auserwählt und lungern bierdosentötend und krautrauchend vorm Clubheim rum, lärmend, krakelend. Bierschwangeres "Sand Bau Ley!" dröhnt feucht aus übelriechenden Mündern direkt ins Ohr, am Zaun reiht sich eine Armada einarmiger Stehpinkler und pisst sich gegenseitig auf die Schuhe.


Schmalbrüstige Jungwerber in lachsfarbenen Polohemden mit aufgestellten Krägen und pornofilmbewährten (hab ich mir sagen lassen) Spiegelsonnenbrillen machen den Macker, halbtrockene Vorstadtgören mit frisch gelöcherter Jeans und Portemonnaiekette bis zu den Knien geben sich als Altpunks und die ewige Frage: Wer ist der Geilste?

Rein äußerlich hätte dieses Clubheim auch ohne weiteres das eines heruntergekommenen Verbandsligisten sein können, wäre es wohl auch fast, wenn man bei St. Pauli nicht immer mal wieder einen lichten Moment gehabt hätte. Bis auf dengroßen Panasonicht-Fernseher vor der Tür unterscheidet sich die Hütte nämlich nicht von denen landläufiger Dorfvereine. Die selben Hausmeistersprüche an jeder Ecke, die ewig gleichen Belehrungen über Ordnung und Zutritt. Bla, bla und nochmals bla.

Gummimatten auf den Treppenstufen, Baumarktfliese auf dem Boden und Ball- und Trikotschränke auf dem Flur. Nichts Besonderes, tausend Mal gesehen. Interessant sind jedoch die Aschenbecher auf der Anrichte; eben doch der etwas andere Verein. Hier haben Mario Basler, Ansgar Brinkmann und die anderen halbgaren Talentverschwender kurz vorm Anpfiff noch schnell ihre Marlboro light (schließlich ist man ja Sportler) ausgedrückt. 

Geh in den Keller und reiß Dich zusammen! Die Umkleide kann auch in Kellinghusen, Heiligenstedtenerkamp oder Uhlenbusch stehen. Ein schmaler Heizkörper, Dreibrettbank mit Kleiderhakenzeile und Baustellenlampe an der Decke. Es ist mal davon auszugehen, dass es hier keine Fußbodenheizung gab, keinen Klamottenschacht und keinen Komfort.

 

Klimaanlage? Mach das Fenster auf! Denn es ist wirklich ein Fenster da an der Rückseite der Kabine und kein Flatscreen, lieber Herr Ricken.

 

Schließen Sie mal die Augen und stellen sich hier einen braungebrannten Luca Toni in weißem Bayernbademantel und Adiletten vor - "il stupido telefono lo stronzo." Ja, hier ein Netz für das Edelfunkgurke zu kriegen: unmöglich!


Der Schrank ist geplündert. Lediglich die Handschuhe von Martino Gatti und der weiße Zopfpulli von Karsten Pröpper liegen noch lieblos in die Ecken gedrückt da. Eine halbleere Rolle Tesafilm und ein alter, an die Tür geklebter Packzettel zeugen von der jetzigen Tristesse diese Schrankes, an den sich bereits Stars wie Lothar Matthäus, Johann Micoud und Viktor Ikpeba beim einbeinigen Dehnen abgestützt haben könnten.

Diese beiden Tafeln sind natürlich ganz groß, im übertragenden Sinne. Links der Raumplan, der Leverkusen und Stuttgart entweder in 3 bis 5 oder 7 bis 9 schickte, je wo gerade die Heizung nicht ging. Diese Art Tafeln findet man sonst nur noch an Dithmarschener Bundesstraßen vor alteingesessenen Landgasthöfen. Mit zackiger Sütterlinschrift krakelt die 85-jährige Seniorchefin noch jeden Morgen selbst den Mittagstisch auf die Fläche - Eisbein (schön fett) mit Grünkohl und Püree satt, als Nachtisch Linseneintopf.

 

Auf der anderen Seite wohl nichts anderes als Stanis Handschrift. Die schlichte Info über das Training am Folgetag an der Kollaustraße lässt keinen Freiraum für Interpretationen, wie sie im Amateurbereich gerne bei solchen Traineransagen getan werden. "Ich dachte Kollauline-Arena, ich hab ´ne halbe Stunde gewartet, bin dann wieder nach Hause..."

So, Schluss mit Wehmut. Ohne Frage, wenn man solche Bilder sieht, dann ist doch klar, dass diese Duschen weg müssen. Halt, doch noch eine Frage: Was ist das? Ein Duschseparee für Einzelzeller? Diente diese blaue Fliesengrotte in Bärchenblau tatsächlich für die humanoide Körperhygiene?

 

Die eindeutigen Indizien dafür sind die zwei mittig gesetzten Seifenhalter (übliche Installation lange bevor das Duschgel Einzug in die bundesdeutschen Sportstätten fand). Alles andere spricht dagegen und versprüht eher nordfriesischen Schlachthofcharme. Außenwandig angebrachte Wasserleitung und ein etwas, was wohl einen Schlauch darstellen soll. Ich hab während der Tingeltouren durch die Sporthallenduschen ja schon viel gesehen, aber das... ist... lediglich in Sachen Demontage wirklich bundesligareif.


Und auf dem Foto daneben? Die Badewanne des armen Mannes! Einfach das Knetpritsche unter die Brause stellen und auf die Hähne, fertig ist die Laube! Auch hier unbedingt zu beachten die Seifenhalter, von denen wir wissen, dass das Abflussloch ständig durch Seifenreste, Haare und andere Ekligkeiten verstopft ist.

 

Die weiße Fleischerladenbekachelung harmoniert sehr schon mit den Bodenfließen aus 70 Prozent Helgoländer Muschelkalkgranulat. Am rechten Bildrand lauert ein Waschbecken, welches für den Handbetrieb zu niedrig angebracht ist (nur für Cem Karaca war die Höhe ideal), so wird hier eine Fußpilzprophylaxe vermutet, die von unserem Lieblingsbrasilianer Alex Alves (der mit dem weißen Nerzmantel) gern mal hätte benutzt werden können (wenn er denn jemals hier logierte). Auf alle Fälle: Kein Trinkwasser!

Ja, so kennen wir die ernüchternde Realität! Genau wie auch in Wacken wurde der notwendige Abort mittels ein paar laminierter Sperrholzbretter (die an der Unterkante schon ordentlich Feuchtigkeit gezogen haben) im Duschraum integriert, räumlich zwar abgetrennt, aber "nicht sehen", bedeutet in diesem Fall nicht zwangsläufig "nicht hören oder schnuppern".

Die Komponenten Geräusch und Geruch dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Egal ob Kreisklasse oder Bundesliga, nicht selten ist vor dem Spiel bei dem einen oder anderen Akteur ordentlich Druck auf dem Kessel und der als Angstschiss bekannte Stuhlgang wird gut und gerne erledigt.

 

Wenden wir uns aber erfreulicheren Dingen zu und bemerken den Schlauch, zwar nachlässig aufgenudelt und einmal um den Hahn gewickelt, aber immerhin ist einer vorhanden. Vorhanden ist auch eine ganze Schimmelherde, die wiehernd die Kacheln abweiden.

Was sich da von rechts oben ins Bild schwengelt ist kein abgenagter Ochsenschwanz, sondern tatsächlich eine Starkstromleitung. Keine Nachlässigkeit eines Elektrikerlehrlings etwa, sondern nötiges Accessoire. An dieses Kabel wurde vor jedem Heimspiel der Plattenspieler (DUAL P1011 V26) angeschlossen und auf 45 Umdrehungen ertönte oben im Stadionrund das bekannt-beliebte "Hells Bells", wer genau hinhörte konnte das heimelige Krisseln der Einlaufrille wahrnehmen.


Die Edding-2000-Kritzeleien an den Kacheln zeugen von Geist und literarischer Schaffenskraft so manchen Profifußballers. Hier liest man Gedankenblitze wie "Effe ist eh doof!", "Lothar was hier" oder auch ein hier nicht erahntes "Fünf Minuten scheißt der Hund, ein guter Deutscher scheißt 'ne Stund."

Gesamturteil:
Schimmelpilz und Seifenstein lässt keinen Platz für Wehmut, aus Ruinen wird etwas neues auferstehen!

Wertung:

20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung. Möpse wären hier nur pure Verschwendung. Daher: eine Abrissbirne